ST. GALLEN/WINTERTHUR – Es hängt im Büro, ist grell, irritierend und kaum zu übersehen. Doch dieses Kunstwerk sollte an der SBW Mediamatik Sport nicht bloss betrachtet werden. Zu Beginn des neuen Lehrgangs stellte Christoph Anrig, Co-CEO des SBW Haus des Lernens, die Lernenden vor eine ungewöhnliche Entscheidung: Behalten oder zurückgeben? Sechs Monate lang sollten sie sich mit dem Werk auseinandersetzen und ihre Entscheidung schliesslich dem Künstler persönlich mitteilen.
Kunst als bewusstes Lernsetting
Bei dem Werk handelt es sich um HCON REMMI TBEL SIVLE des Künstlers Valentin Magaro, eine grosszügige Leihgabe der Kunstsammlerin Maria Larsson aus der HTC Kunstsammlung. Zwischen Larsson und dem SBW Haus des Lernens besteht seit Jahren eine enge Zusammenarbeit. Ein Grossteil der Sammlung ist bereits am SBW Talent-Campus Bodensee in Kreuzlingen zu sehen.
Kunst ist dabei kein schmückendes Beiwerk, sondern Teil der pädagogischen Umgebung. Sie soll Kreativität fördern, Perspektiven öffnen und Denken jenseits vorgefertigter Kategorien ermöglichen – ein Anspruch, der besonders gut zu einer Schule passt. Entsprechend hielt die Kunst mit der Neueröffnung der SBW Mediamatik Sport auch am neuen Standort Einzug. Zunächst mit genau einem Werk, das Larsson bewusst auswählte. Eine zusätzliche Dimension erhielt das Projekt später durch eine biografische Entdeckung: Künstler Valentin Magaro selbst ist ehemaliger SBW-Schüler (WBJ 1989). Mit seinem Werk kehrte er – Jahrzehnte später – an die Schule zurück.
Provokation statt Dekoration
Das Bild im gelben Comic-Stil fügt sich ästhetisch in den kreativen Ausbildungsort ein, geht inhaltlich aber deutlich weiter. Die Motive greifen Verschwörungstheorien, Machtmechanismen und mediale Verzerrungen auf. Themen, die für angehende Mediamatikerinnen und Mediamatiker hochaktuell sind.
Über Monate hinweg hing das Werk gut sichtbar im Raum. Es provozierte, irritierte, zog Blicke auf sich und liess Fragen offen: zu laut, zu wirr, zu direkt? Oder gerade deshalb relevant? Im ABU-Unterricht (Allgemeinbildender Unterricht) setzten sich die Lernenden vertieft damit auseinander. Sie erarbeiteten Präsentationen zu Verschwörungstheorien, interviewten Kunstsammlerin Maria Larsson und diskutierten mit dem Künstler selbst, der zu einem Austausch eingeladen wurde.
Langsam sehen lernen
Die Auseinandersetzung folgte dabei bewusst keinem schnellen Urteil. Die Lernenden näherten sich dem Werk Schritt für Schritt: zuerst individuell, dann im Diskurs; zuerst mit der Perspektive der Sammlerin, später mit jener des Künstlers. Betrachtet wurde aus unterschiedlichen Rollen heraus: aus ethischer, gesellschaftlicher, unternehmerischer und persönlicher Sicht.
Dieses Lernsetting setzte einen bewussten Kontrapunkt zur schnellen, oft oberflächlichen Logik der digitalen Welt. Es ging nicht um richtig oder falsch, sondern um Haltung. Um das, was die SBW als «Future Skill Global Identity» bezeichnet: Identität, Verantwortung, Dialogfähigkeit und Persönlichkeit.
Der Wendepunkt im Atelier
Ein entscheidender Moment folgte mit dem Besuch im Atelier von Valentin Magaro in Winterthur. Dort – ebenso wie bei der Begegnung mit einem weiteren Werk des Künstlers in der Berufsschule Winterthur – verschob sich der Blick vieler Lernender. Das Bild trat zurück, der Mensch dahinter trat hervor: ein Künstler mit klaren Werten und einer reflektierten Auseinandersetzung mit Medien, Macht und Gesellschaft.
Jesse Zurlingen (16, Leistungssportler Karate), einer der Lernenden, beschreibt diesen Perspektivwechsel so: «Am Anfang dachte ich: Was für ein komischer Kauz hat dieses wirre Bild wohl gemacht? Der Besuch im Atelier hat meinen Blick jedoch stark verändert. Ich sehe nun viel mehr Geschichten und Aussagen im Bild. Der Austausch mit Valentin war sehr spannend – er ist ein offener, sympathischer Mensch.»
Eine Entscheidung mit Gewicht
Am Ende des Projekts stand die angekündigte Entscheidung. 19 Lernende hatten das Kunstwerk über Monate begleitet, fünf von ihnen trugen den Prozess bis in die finale Entscheidungsrunde. Sie diskutierten intensiv, hörten zu, hinterfragten – und übernahmen Verantwortung.
Das Resultat fiel einstimmig aus: Das Werk bleibt. Ausschlaggebend waren mehrere Gründe. Das Bild regt zum Denken an, fördert Kreativität und die kritische Auseinandersetzung mit Medien und Verschwörungstheorien. Die Haltung des Künstlers verleiht dem Werk zusätzliche Tiefe. Und nicht zuletzt ist das Bild Teil der gemeinsamen Ausbildungsbiografie geworden, emotional und identitätsstiftend.
Kommuniziert wurde die Entscheidung nicht in einem formellen Schreiben, sondern per persönlicher Sprachnachricht an den Künstler und die Kunstsammlerin. Auch das ein bewusstes Zeichen von Beziehung, Respekt und Dankbarkeit.
Einigkeit herrschte schliesslich auch in einem weiteren Punkt: Kunst soll bleiben. Vielleicht sogar mehr davon. Und vielleicht künftig mit Lernenden als Teil einer eigenen Kunstkommission.